Streiflicht

Nutella

Ein Kühlschrank kann sehr heimtückisch sein. Der Lebenserfahrene weiß, dass fast alles gefährlich ist, was in der Küche steht, zumal wenn es auch noch brummt. Die Spülmaschine zum Beispiel hat einen versteckten Anschluss direkt ans Grundwasser, weswegen sich manchmal, vor allem an handwerkerlosen Samstagen, eine Springflut aus dem Inneren des verzargten Ungetüms auf den Küchenboden ergießt. Die italienische Kaffeemaschine ist in Wirklichkeit ein in Metall und Plastik eingesperrter Kleindrache, der bei nicht artgerechter Haltung statt Espresso heißen Dampf aus allen Öffnungen spuckt. Der Kühlschrank wiederum riecht nach kurzem Gebrauch inwendig so, als habe man den toten Kleindrachen aus der vorletzten Kaffeemaschine bei zu hoher Temperatur im Gemüsefach gelagert. Außerdem verhärtet sich im Kühlschrank grundsätzlich alles, was sich nicht verhärten soll, wohingegen das, was hart bleiben soll, vermatscht.

Die eingebaute Gefährlichkeit all dieser Maschinen wird verstärkt durch die angeborene Blödheit ihrer Bediener. Hier gibt es einen untrüglichen Test: Wenn man irgendwo zu Gast ist, muss man nur den Kühlschrank öffnen. Sieht man im Inneren ein Glas Nutella stehen, dann weiß man, dass man mit dem Bestücker des Kühlschranks keine wie auch immer geartete Beziehung eingehen sollte. Die Nusscreme muss dickflüssig tropfend sein wie frisch gefördertes bahrainisches Rohöl. So wollte es Pietro Ferrero, der Konditor aus Piemont, und so soll es sein fürderhin und alle Tage.

Vor genau 40 Jahren lieferten die Ferreros in Alba, der Stadt der weißen Trüffel, zum ersten Mal die Creme mit dem Namen Nutella aus. Sie eroberte schnell ganz Italien und danach auch Deutschland, was bemerkenswert ist, weil solche Niederwerfungen nach Julius Caesar ff. immer nur von Norden nach Süden stattgefunden haben. Zu Beginn stieß der Siegeszug auf Hindernisse. In den sechziger Jahren verweigerten ethnozentrische Eltern auf unserer Seite der Alpen ihren Kindern Nutella und Cola. Letztere wurde als pappsüßes Leitgetränk der kulturlosen Amis abgelehnt; die Nusscreme galt als teuer, kariesfördernd und vor allem als Haben-wir-früher-auch-nicht-gehabt-Zeug. Die Kinder aber fanden Wege. Hinter dem Rücken des Vaters bettelten sie so lange die Oma an, bis die ein Glas kaufte, und damit war man dem Suchtgift aus Alba verfallen. Selbst der Kommunist versuchte mit Hilfe von Ersatz-Nutella (Nudossi in der DDR) die aufbegehrenden Menschenmassen ruhig zu stellen. Dies gelang ihm aber nicht, weil die Westverwandten the real thing mitbrachten, was die Überlegenheit der freien Marktwirtschaft demonstrierte und so auch zum Fall der Mauer beitrug. Nutella also ist, wie Streichkäse und Dosenravioli, gut für die Menschen. Nur in den Kühlschrank gehört sie nicht.

Quelle:

Süddeutsche Zeitung - Neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport

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