Streiflicht

Das machtlose Volk

Kahn? Da sind wir uns doch wohl einig. Der Roller von Madrid, das 1:5 gegen Rumänien, das Eigentor gegen Werder. Jetzt trennt er sich von Verena. Hilft auch nichts mehr. Ist vorbei mit dem Kahn. Und dann der Schrempp. Chrysler versemmelt, Weltkonzern in den Sand gesetzt, Aktien im Keller. Weg, fort mit dem Schrempp. Ähnliches gilt für: Bsirske, Christiansen, Handke, Bush, Jörges, Putin. Alle weg. Zu oft gesehen, zu viel geredet, zu großen Unsinn gemacht. Bleiben aber alle. Sprechen, schreiben, regieren weiter. Ach, warum ist der Mensch so machtlos? Wie schön wäre es, wenn man morgens aufwachen würde und dann nur zum Telefon greifen müsste und sagen könnte: Hallo, ich bin"s. Hab mich entschieden. Wir schmeißen sie raus. Alle. Wir nehmen Lehmann statt Kahn, mich statt Christiansen, und den Polt statt Schrempp. Wie schön wäre es, mächtig zu sein. So mächtig.

Sind wir aber nicht. Muss alles eine Aufwachphantasie bleiben. Nein, nicht ganz. Es gibt eine Möglichkeit: Bild, die zeitunggewordene Aufwachphantasie. Das Blatt hat eine Telefonaktion veranstaltet und 70 000 Leute, die schon immer mal jemanden rauswerfen wollten, haben angerufen. Es ging um Schröders Kabinett. Das ist nicht besonders originell. Wer heute in Deutschland an Rausschmeißen denkt, denkt auch an Schröders Kabinett. Schröder selbst denkt an sein Kabinett, wenn er ans Rausschmeißen denkt. Am liebsten würde Schröder ganz ohne Kabinett regieren, aber das geht nicht wegen der blöden Demokratie. Weil das so ist, will er wenigstens Leute in seinem Kabinett haben, von denen alle, sogar die Bild-Leser sagen, die gehörten rausgeworfen. Wenn sie das über die Minister sagen, dann sagen sie es nicht, oder jedenfalls nicht so häufig, über den Bundeskanzler. Schröder also braucht Stolpe, Eichel und die diversen Schmidts, und deswegen wird es auch nix mit der Kabinettsumbildung.

So einfach ist Politik. Das Volk, sowohl das bei Bild arbeitende als auch das dort anrufende, versteht das natürlich trotzdem nicht. Das Volk will in seinen Aufwachphantasien Trittin weghaben, weil es bei uns kein Bier ohne Dosenpfand mehr gibt. Böser Trittin. Die eine Schmidt soll laut TED-Umfrage wegen der Praxisgebühr gehen, die andere Schmidt aber soll bleiben. Das ist kurios. Sogar Schröder würde, wenn er könnte, wie er wollte, sein Kabinett völlig entschmidtisieren. Was vom Volk, jedenfalls jenem Teil, der da mitgespielt hat, zu halten ist, wird völlig klar, wenn man liest, dass es Edelgard Bulmahn gut findet. Die Bildungsministerin ist eine Art Hans Eichel im Rock und hat sich in jenem Teil der Politik, den der Kanzler in einem früheren Leben mal als Gedöns bezeichnet hat, stolpistisch verhakt. Dem Volk ist das wurscht. Eigentlich gut, dass das Volk so machtlos ist.

Quelle:

Süddeutsche Zeitung - Neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport

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