Streiflicht

Der Benzinpreis

Mit Gesundheit und langem Leben ist das so eine Sache: Da gibt es welche, die werden bibelgehorsam siebzig Jahre alt, und wenn es hoch kommt manche achtzig, von den Urältesten nicht zu reden. Die aber haben sich lebenslang getummelt, Schafe gehütet, Rinder getrieben, jedenfalls hart gearbeitet, haben womöglich nie geraucht und täglich einen Roten genommen oder einen Schnaps zur Stärkung des Immunsystems, von dem sie allerdings nichts wussten, als sie den ersten Kurzen kippten. Und nun lassen sie sich von der mild sinkenden Sonne ihres Lebensabends bescheinen und als Vorbild, ja Wunder bestaunen. Andere halten sich mit Joggen in Trab oder glauben an Power-Walking, schwingen Tennis- und Golfschläger, je nach Solvenz, essen bloß die Hälfte, trinken nur am Geburtstag einen Schluck Sekt und müssen trotzdem früh fort aus diesem Dasein. Und dann gibt es noch Winston Churchill: "No sports, big cigars!"

Ansonsten braust die Menschenwelt nur so dahin in zunehmender Mobilität, rasender Geschwindigkeit, noch mehr Beschleunigung. Tempo, Tempo! Also wirft sich jemand in Oklahoma in seinen Schlitten und düst zum Arbeiten nach New Orleans, oder er puckert bei Nacht und Nebel irgendwo im Erzgebirge los, um in Württemberg zu malochen. Pendelt hin und her und her und hin, bis die Bandscheiben sich melden, der Ischiasnerv schmerzhafte Nachrichten sendet oder der Verdauungstrakt seine Arbeit bis zur Verstopfung reduziert. Anfangs schwingt man sich hinters Steuer, dass es eine Freude ist, und entsteigt dem Auto wie ein junger Gott. Doch dann fängt der Bund an zu kneifen, drückt der Gürtel, schneiden Hosenfalten ins Schenkelfleisch, muss der Sitz nach hinten geschoben und das Steuer gehoben werden. Jetzt seufzt man beim Einsteigen, das immer mehr einem Wuchten gleicht, und stöhnt beim Ausstieg, als sei es schwere Arbeit. Man ist vor lauter Bewegung und Flexibilität feist angeschwollen. Um drei Prozent steigt die Fettleibigkeit mit jeder halben Stunde Fahrzeit, meldet The Atlanta Journal-Constitution auf der Basis einer Forschungsstudie mit 10 500 Bewohnern des Großraums Atlanta. Wer pendelt, bringt es auf durchschnittlich viereinhalb Kilo mehr Gewicht als der Stadtmensch, der nicht immerzu nur das Gaspedal bewegt, sondern der zum Naheliegenden öfter mal zu Fuß geht.

Passenderweise ist gerade jetzt, da von den real zunehmenden Pendlern die Rede ist, wieder einmal der Begriff "Brotpreis" ins Gespräch gebracht worden: der Benzinpreis als Brotpreis, und zwar in dem Sinn, dass das Volk zugrunde geht, wenn man ihm die Zapfsäulen noch höher hängt als eh schon. Der Nebensinn ist auch nicht ohne: das Benzin als unser täglich Brot, das Auto unsere Küche, das Pendeln unsere Hauptmahlzeit - und die Wampe das sichtbare Ergebnis.

Quelle:

Süddeutsche Zeitung - Neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport

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