Streiflicht

Wessis und Ossis

Ein Nachmittag im Pleistozän. Das elende Eis macht das, was es auch dieser Tage schleunigst tun sollte, es zieht sich endlich in die dünn besiedelten Gegenden befreundeter skandinavischer Nationen zurück, dafür sind die schließlich erfunden worden. Überall regt sich Bildung und Streben, es wird warm in Europa, Blütezeit toujours. Die Tiere kommen nach Jahrtausenden aus ihren Rückzugsgebieten und freuen sich über ein Wiedersehen, hallo Hase, hallo Igel, und die Franzosen malen ihre Höhlen touristengerecht mit fröhlichen Bisons und Säbelzahntigern aus. Nur in Deutschland herrschen wieder mal soziale Kälte und Ratlosigkeit. "Hallo? Igel?" fragt der schüchterne Ostigel mit dem braunen Bauchfell. "Duuu? Ein Igel?" fremdelt der weißbäuchige Westigel zurück.

Der Rostocker Zoologe Ragnar Kinzelbach hat entdeckt, dass die Weichseleiszeit hier zu Lande zu einer unüberbrückbaren Entfremdung unter den Tieren geführt hatte. Mitten durch Deutschland verläuft eine tierische Ost-West-Schranke, an der es vor 12000 Jahren zu erschütternden Szenen kam. Die eine Schermaus hatte vorher in Portugal überwintert, die andere in Albanien; einige Igel waren zu Verwandten nach Griechenland geflohen, andere hatten sich bei Grenada eingeigelt. Jetzt, endlich, kamen sie alle heim. Da standen sie nun im warmen Tauwetter und waren einander fremd.

Zwillingsarten waren entstanden: die West- und die Ostschermaus; brauner Igel, weißer Igel; Rabenkrähe (West), Nebelkrähe (Ost). Die Krähen paaren sich inzwischen zwar wieder grenzenlos, ihre Nachkommen, die Mischkrähen, sind aber bis heute nur in einem schmalen Streifen entlang der Elbe zu finden. Und die westlichen Weißstörche reisen im Winter immer noch über Schengenland - Elsass, Provence, Spanien - nach Afrika, Oststörche hingegen über die Bruderstaaten Bulgarien und Rumänien.

Obwohl damit klar ist, warum sich Wessis und Ossis nach 40 Jahren Kaltem Krieg so kolossal fremd sind, werden die Evolutionstheoretiker nun zetern: Alles Blödsinn, 40 Jahre seien in der Evolutionsgeschichte nicht mal ein Wimpernschlag. Selber Blödsinn. Entfremden geht im Handumdrehen. Dafür braucht man keinen braunen oder weißen Bauch und auch keinen Kalten Krieg. Schon die Frage "Warst du beim Friseur?" kann dazu führen, dass einen die eigene Frau fremder anschaut als jede Schermaus. Und manchem Kollegen muss man nur zwei Minuten zuhören, um sicher zu sein: Sieh an, schon wieder eine Zwillingsart, dessen Vorfahren müssen ja weiß Gott woanders überwintert haben als die eigenen. Was aber ist mit den Mitmenschen aus westlichem Rabenvater und vernebelter Ostbraut? Muss man die jetzt alle entlang der Elbe...? Egal. Hauptsache, wir müssen nicht alle über Bulgarien in Urlaub fahren.

Quelle:

Süddeutsche Zeitung - Neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport

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