Streiflicht

Der Marathon

Was Marathonläufe in großen Städten angeht, so scheinen sich dem Bürger im Prinzip zwei Alternativen zu bieten: Er kann teilnehmen oder nicht. Doch immer hat der forschende Mensch nach einer dritten Möglichkeit gesucht, also gleichsam: teilzunehmen, aber nicht laufen zu müssen. Zum Beispiel erreichte beim ersten Marathon der modernen Olympischen Spiele 1896 in Athen ein Herr namens Spiridon Velokas den dritten Platz auch mit Hilfe eines Pferdefuhrwerkes, auf welchem liegend er einen Teil der im Grunde ja unzumutbar langen Strecke zurücklegte. Bei den Wettkämpfen 1904 in St. Louis entschied sich Fred Lorz nach 14 Kilometern wegen Krämpfen in den Beinen zur Aufgabe und bestieg ein Begleitfahrzeug. Nach weiteren sechs Kilometern ließen die Krämpfe nach, sodass Lorz sich wieder ins Feld einreihte, dessen ein Schiedsrichter ihn aber verwies. Lorz fuhr weiter, stieg aber fünf Meilen vor dem Ziel ab und mischte sich unter die Läufer, ohne behelligt zu werden. Er erreichte das Stadion als Erster, wurde auch als solcher bejubelt und mit Alice Roosevelt fotografiert, der Tochter des US-Präsidenten, bis, na ja, bis die Sache aufflog.

Selten hat ein Läufer mit weniger Anstrengung mehr Jubel kassiert – oder doch: 1972 in München überwand ein Schüler namens Norbert Südhaus die Absperrungen und ging mit der Startnummer 72 vor dem Sieger Frank Shorter auf die Stadionrunde. Ach, und in Stockholm 1912 gab es einen Japaner namens Shizo Kanaguri, ein Student, für den seine Kommilitonen Geld gesammelt hatten, um ihm die weite Reise mit der transsibirischen Eisenbahn zu finanzieren. Nach 30 Kilometern Lauf war Kanaguri so sehr am Ende seiner Kräfte, dass er sich in einem Haus, an dem er vorbeikam, auf einer Liege etwas ausruhte. Er schlief ein, und als er aufwachte, war er so beschämt, dass er sich anfangs weigerte, nach Japan zurückzukehren.

Er tat es schließlich doch, kehrte aber 1967 nach Stockholm zurück, um an genau der Stelle, wo er damals eingeschlafen war, seinen Lauf wieder aufzunehmen. Nach 54 Jahren, acht Monaten, sechs Tagen, 32 Minuten und 20,3 Sekunden erreichte er das Ziel – als 76-Jähriger. Nie brauchte jemand länger für die 42 Kilometer. Wie sind wir jetzt so ins Plaudern gekommen? Aus Berlin kam die Nachricht, 33 Teilnehmer des Berlin-Marathon seien nachträglich disqualifiziert worden: Es habe sich herausgestellt, dass sie von Kilometer 25 bis zum Ziel die U-Bahn genommen hatten, welche praktischerweise am Kurfürstendamm, in Zielnähe, eine Station hat. Man fragt sich ein wenig, warum die Leute nicht gleich am Start nach einer bequemen Nahverkehrsverbindung gesucht haben. Aber man hört ja immer wieder von Joggern, dass sie erst, wenn sie ein bisschen gelaufen sind, die besten Ideen haben.

Quelle:

Süddeutsche Zeitung - Neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport

Navigation im Spaßbereich

 

Zurück zum Spaßbereich